Florian Boemer

Ein Jahr in Indien

Die Zeit um den Jahreswechsel

Wie im letzten Blog schon angekündigt, war es hier auf meinem Blog in letzter Zeit ziemlich ruhig, da wir in den Süden Indiens gefahren sind. Davon werde ich allerdings erst im nächsten Eintrag berichten, da in der Zeit zwischen Weihnachten und unserer Reise auch mal wieder so einiges passiert ist.

Da einer unserer Fathers wie erwähnt in Raiganj Schulleiter geworden ist, haben wir ihn am zweiten Weihnachtsfeiertag an seine neue Stelle im Bundesstaat Westbengalen begleitet. Dies haben wir zum Anlass genommen um verschiedene andere Kommunitäten und Projekte unserer Provinz zu besuchen.

Dieser Anlass  führte uns mit dem Jeep durch den ganzen Bundesstaat bis an die Grenze zu Bangladesch.

Wir besuchten immer wieder auch einige Familien, die uns sehr herzlich empfangen haben und (natürlich) jede Menge Fotos mit uns machen wollten.So haben wir den ganzen Tag damit verbracht, mehrere Stunden irgendwo hin zu fahren und einen Tee zu trinken, etwas zu essen, kurz herumzulaufen und anschließend wieder einige Stunden zum nächsten Ort zu fahren. Als es dunkel war, wurden wir durch den dichtesten Nebel ausgebremst, den ich jemals gesehen habe. So kamen wir schließlich mit sehr vielen Eindrücken, ziemlich müde, spät abends wieder hier in Baghmara an.

Der Blick aus dem Auto

Am 30.12. stand dann auch schon die nächste Reise an. Jeder von uns Freiwilligen hat einen Ansprechpartner außerhalb des Projekts um über eventuelle Probleme im Projekt zu sprechen. Das haben wir zum Glück noch nicht gebraucht. Trotzdem treffen wir uns, wenn möglich, einmal im Monat.

Um also unseren Mentor, wie wir ihn nennen, zu besuchen, machten wir uns früh morgens auf nach Sahebganj im Bundesstaat Jharkhand. Dies ist für Indien eine noch relativ kurze Distanz. Nach drei Stunden Bus und ebenfalls drei Stunden Bahnfahrt kamen wir schließlich an. Die Bahnfahrt war dann auch unsere erste „typisch“ indische Bahnfahrt in der „Holzkasse“. Das Ticket hat grade einmal 25ct gekostet. Allerdings wurden wir auch in den Wagon gepresst, wie man es von Fotos oder Videos kennt: keine unbedingt lustige, dennoch eine sehr spannende Erfahrung. Nach ungefähr einer Stunde sind die meisten Leute ausgestiegen und wir konnten die wirklich sehr schöne Landschaft genießen.

In Sahebganj angekommen mussten wir dann erst einmal feststellen, dass unser Mentor, wegen dem wir eigentlich da waren, spontan nach Kalkutta fahren musste. Also hatten wir nichts zu tun. Zum Glück hatte ein junger Jesuit Zeit, uns herumzuführen. Mit ihm besuchten wir eine Schule für Kinder mit Behinderungen, die von Schwestern betreut wird. Es war sehr interessant zu sehen wie in Indien mit so etwas umgegangen wird. Leider sind Sonderschulen mit guter Betreuung sehr selten. An dieser Schule hat es mich sehr gefreut, wie liebevoll sich die Schwestern mit ihrem Projekt identifiziert haben. Da Silvester vor der Tür stand, war leider niemand da und so haben uns die Schwestern nur durch die Schule, Speise – und Schlafräume geführt und von ihrer Arbeit erzählt.

Außerdem haben wir auch noch ein paar Santaldörfe und eine Schule im nirgendwo besucht. Die Santalis sind eine der vielen ethnischen Gruppen im Nordosten Indiens die zu den Tribals gehöhren, welche keiner Kaste der Kastensystems in Indien angehören. Deshalb wurden und werden sie bis heute Gesellschaftlich immer noch niedriger gestellt. In diesen Dörfern wird nicht nur Bildung für die Kinder der Santalis angeboten, sondern auch Hilfe für die Familien, ein besseres und bewussteres Leben zu führen. Deshalb gibt es dort neben der Schule und dem Internat auch Projekte, um die erwachsenen Menschen weiterzubilden.

Leider  war die Schule am 31.12. geschlossen und auch die Kinder des Internats waren bei ihren Familien. Deshalb wirkte alles etwas leblos – bis auf die vielen kleinen Hundewelpen, mit denen wir gespielt haben.

Silvester war dann relativ enttäuschend. Da wir bei vier Jesuiten in einer Kommunität untergebracht waren, dachten wir, dass es irgendetwas um 0 Uhr geben würde. Als Simon und ich um 23:55 Uhr aufgestanden sind, mussten wir allerdings feststellen, dass wir die einzigen waren, die wach waren. So habe ich dann das wohl bisher merkwürdigste Silvester erlebt. Ich würde allerdings nicht sagen, dass es schlechter war.

Ein wenig deprimiert sind Simon und ich am Neujahrestag aufgestanden. Nach dem Frühstück haben wir allerdings erfahren, dass in Indien eher der erste Januar der Feiertag ist. Deshalb haben die Jesuiten uns zu einer Neujahresparty von ehemaligen Schülern der Jesuitenschule in Sahebganj mitgenommen. Das war sehr interessant, da einige der Schüler für die Verhältnisse aus denen sie kommen, sehr gute Karrieren gemacht haben. Wir haben uns zum Beispiel lange mit einem ehemaligen Schüler unterhalten, der nach seinem Abschluss eine Lederverarbeitungsfabrik in Kalkutta geleitet hat und jetzt in Kanada wohnt. Die Feier war zwar somit nicht unbedingt von den armen Indern, es war aber schön zu sehen, dass einige etwas aus der Schulbildung machen, die sie von den Jesuiten geboten bekommen. Dieser Tag war auch für mich sehr motivierend, da wir im Schulalltag eher kämpfen müssen den Kindern etwas beizubringen und den Eindruck haben, dass einige Kinder die sehr gute Chance, die sie hier bekommen, nicht nutzen wollen.

Am nächsten Tag sind wir mit den Jesuiten ca. 2,5 Stunden nach Dumka gefahren, wo eine Konferenz stattfand, bei der auch die Jesuiten, mit denen ich zusammenlebe, teilgenommen haben. Die Konferenz ging zwei Tage lang und da Simon und ich nicht teilgenommen haben, hatten wir zwei Tage Zeit um ein bisschen die Gegend zu erkunden.

Wegen Situationen wie dieser, kommt man in 2,5 Stunden allerdings nicht weit.

In den zwei Tagen wurden wir von unterschiedlichen Jesuiten an die Hand genommen und uns wurden wieder einmal verschiedene Projekte und Kommunitäten, sowie ein Staudamm gezeigt, der fast den gesamten Bundesstaat mit Strom versorgt. Das ist sehr fortschrittlich , da anfang 2017 der Erneuerbare-Energien-Anteil im Stromsektor Indiens grade einmal bei 16 Prozent lag.

Außerdem haben wir noch heiße Quellen und eine Schule, welche erst vor zwei Monaten eröffnet wurde, besucht. Es war sehr schön zu sehen, wie dort alle Möglichkeiten der Erweiterung bereit gehalten werden. Das Gelände ist sehr groß und unbewachsen, damit in einigen Jahren noch weitere Schulgebäude, Lehrerhäuser oder ein Internat errichtet werden kann. Außerdem ist das Gebäude, welches schon steht, jederzeit bereit, um ein Stockwerk erweitert zu werden, wenn der Bedarf besteht.

Wahrscheinlich hat auch die Schule, in der ich jetzt bin, vor 10 Jahren bei ihrer Eröffnung so ausgesehen und ist mit der Zeit ständig gewachsen.

Das war die Zeit vor unserer großen Reise in den Süden, wovon in den nächsten Tagen ein Bericht kommen wird. Ich wünsche allen noch ein frohes neues Jahr und freue mich wie immer über jede Anmerkung, Rückmeldung oder jeden Kommentar.


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1 Kommentar

  1. Gudrun Leuer 4. Februar 2020

    Lieber Florian,
    vielen Dank für Deine interessanten Berichte. Spannend was Du alles erlebst. Ich freue mich schon auf Deinen nächsten Bericht und wünsche Dir weiterhin eine gute Zeit.

    Viele Grüße aus dem regnerischen Braunschweig

    Gudrun

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