Florian Boemer

Ein Jahr in Indien

Ab in den Süden

Wie im letzten Blog schon angekündigt, geht es dieses Mal um unsere Reise in den Süden von Indien.

Inzwischen ist tatsächlich mehr als die Hälfte meines Freiwilligendienstes hier in Indien vorbei. Zu diesem Anlass hatten wir ein Zwischenseminar im ca. 2500 Kilometer entfernten Tiruchirappalli oder einfach nur Trichy.

Unsere Reiseroute

Da Lara nicht alleine die lange Fahrt antreten wollte und sie auch einmal unsere Einsatzstelle sehen wollte, hat sie uns einige Tage besucht, damit wir dann zusammen in den Süden fahren konnten.

Unsere erste Etappe brachte uns über Nacht und ca. 11 Stunden nach Kalkutta, wo wir dann 17 Stunden Aufenthalt hatten. Für diese Zeit haben wir unser Gepäck abgestellt und Kalkutta erkundet. Als Simon und ich vor sechs Monaten in Kalkutta angekommen sind, haben wir die Stadt als laut, hecktisch, chaotisch und sehr unangenehm warm erlebt. Dieses mal war der Eindruck jedoch viel positiver. Da Winter ist, waren es angenehme 25 Grad und gefühlt war der Verkehr und das Chaos viel geringer. Ob das wirklich der Fall ist oder ob ich mich einfach nur an den „Wahnsinn„ auf Indiens Straßen gewöhnt habe, weiß ich nicht. So schlenderten wir durch die Straßen, wobei wir im Gegensatz zum ersten Besuch in Kalkutta, auch sehr schöne Ecken sahen.

Zudem besuchten wir das Grab von Mutter Theresa, wo wir sofort in ein wirklich nettes Gespräch mit einer alten Schwester kamen. Generell sind die Leute, egal ob im Zug, auf der Straße oder zum Beispiel diese Schwester, immer sehr kontaktfreudig. Meistens sind diese Gespräche sehr nett und man wird gefragt wo man her kommt, wie einem der Ort und Indien allgemein gefällt, woraus sich oft interessante Gespräche bilden.

Die Laune vor zwei Tagen Zug fahren war, naja, mäßig

Nach diesem einem Tag Kalkutta ging es am Abend wieder zum Bahnhof, von wo wir einen Tag, zwei Nächte und fast 2000 Km nach Chennai gefahren sind. Das klingt meiner Meinung nach schlimmer, als es ist. Ich habe das Zugfahren in Indien wirklich lieb gewonnen.

Indische Züge haben bis zu sechs verschiedene Klassen. Bei Nachtzügen kommen allerdings die untersten zwei Klassen eigentlich nicht zur Auswahl, da es nur Stehplätze oder Sitzplätze gibt. In der 4. Klasse gibt es dann schon Liegen zum Schlafen, allerdings keine Bettlaken und auch keine Klimaanlage, was beides in der 3. Klasse vorhanden ist, die wir auch gefahren sind. Die zweite Klasse bringt noch etwas mehr Privatsphäre mit sich, da es 4er Abteile gibt. In den Klassen darunter sind alle Liegen in einem offenen Abteil. Die erste Klasse ist dann noch einmal gehobener und privater, allerdings auch oft teurer als ein Flug. Unsere Reise in der 3. Klasse kostete grade einmal umgerechnet 34 Euro pro Person. Für 2500 Km, eine eigene Liege und Klimaanlage ist das natürlich, grade im Vergleich zu Deutschland, sehr günstig.

Neben dem sehr günstigen Preis, ist es meiner Meinung nach auch einfach sehr schön, in Indien mit der Bahn zu fahren. Wenn man nicht grade alleine reist, hat man viel Zeit um über die verschiedensten Dinge zu reden. Außerdem fällt man als (meistens einziger) Weißer natürlich auf und man wird häufig angesprochen. Das ist natürlich auf Dauer nervig, weil neben netten Gesprächen auch oft nach der Handynummer gefragt wird, weil die Menschen weiße Haut mit Reichtum verbinden, so eine Kontakt nach Europa haben wollen um so eventuell an eine Job oder Geld zu kommen.

Der größte Vorteil der Bahn gegenüber dem Flugzeug ist, dass man viel mehr vom Land sieht. Da man die Türen während der gesamten Fahrt öffnen kann, kann man sich einfach an die geöffnete Tür setzten, rausschauen, sich die warme Luft ins Gesicht blasen lassen und die Landschaft genießen. Und bis auf das Schnarchen der anderen Fahrgäste, waren die Nächte auch sehr entspannend.

Deshalb vergingen die zwei Tage und drei Nächte auch wesentlich schneller, als es sich im ersten Moment anhört. So kamen wir schließlich relativ gut ausgeruht um 4 Uhr morgens in Chennai an, wo wir von Hannahs Father abgeholt wurden und in das Loyola College der Jesuiten gebracht wurden. Dort haben wir übernachtet und auch unsere Mitfreiwillige Hannah wieder getroffen, was nach 6 Monaten sehr schön war.

Nach einer kleinen Besichtigung des Loyola Colleges in Chennai, welches zu den Top 5 Colleges in Indien zählt, haben wir uns auf den Weg nach Kuppayanallur gemacht, wo Hannah ihr FSj verbringt.

Der Blick von Hannahs Terasse

Da leider Ferien waren, waren kaum Kinder da und die Schule war natürlich auch leer. Dafür sind wir vier dann durch dei Dörfer um Hannas Projekt herum gelaufen. Außerdem war das Fest Pongal, was vor allem im Süden gefeiert wird. Hannah hat darüber in ihren Blog berichtet.

Neben der sehr schönen Natur war es vor allem beeindruckend, wie einladend die Leute waren, was wahrscheinlich vor allem daran lag, dass Hannah Tamil spricht und so mit den Leuten kommunizieren konnte. So verbrachten wir die meiste Zeit des Tages damit, herumzulaufen, uns einladen zu lassen, etwas mit den Leuten zu reden, zu essen und einem LKW zuzugucken, der in einen See gefahren ist, um ihn zu waschen, was sehr lustig aussah.

Generell ist uns aufgefallen, dass die Kinder wesentlich zurückhaltender waren, als bei uns. Als Lara zu uns gekommen ist, haben sich die Kinder alle um sie gestellt und sie mit Fragen bombardiert. Ob das an der Tatsache liegt, dass Hannah an keiner englischsprachigen Schule ist oder ob es an der Kultur in Tamil Nadu liegt, ist natürlich die Frage. Wahrscheinlich beides.

Am nächstem Tag sind wir dann zurück nach Chennai gefahren und haben erst einmal ein wenig das Wetter am Strand genossen haben. Endlich mal wieder im Meer zu sein und schwimmen zu können war nach 6 Monaten mal wieder ein sehr schönes Gefühl. Im Januar sind es bei uns im Norden auch nur 5 bis 15 Grad. Da war es sehr schön, im Süden bei 30 Grad im Meer zu schwimmen.

Von dort sind wir nach Mahabalipuram gefahren. Ein kleines Dorf am Meer, welches wegen seiner beeindruckenden Tempel nicht nur in Indien bekannt ist. Die Tempel sind einfach in den Fels gehauen und gehen gefühlt endlos weiter, was sehr beeindruckend war. Allerdings waren dort auch viele Touristen und wir haben das erste Mal wieder wirklich viele andere Weiße getroffen, was schon irgendwie komisch war.

Nach diesen vier Tagen Urlaub ging es dann nach Trichy zu unserem einwöchigen Zwischenseminar. Außer Theresa, Lara, Hannah, Luis, Simon, die ich schon von der Vorbereitung kannte, waren noch sechs weitere Freiwillige dort um an dem Seminar teilzunehmen und Erfahrungen auszutauschen und um gemeinsam an unterschiedlichsten Themen zu arbeiten.

An einem Abend haben wir europäisch gekocht, wir einige Dinge aus Deutschland schon sehr vermisst haben. Zum Beispiel Lasagne. Aber wie macht man Lasagne in Indien? Es gibt keine Nudelplatten, kein Hackfleisch, keinen Käse und vor allem keinen Ofen. Die Nudelplatten haben wir selber gemacht. Auf das Fleisch und den Käse kann man auch verzichten, aber der Ofen? Zum Glück hatten wir Überlebenskünstler Luis dabei, der die Idee hatte, einen Ofen aus Steinen selber zu basteln und mit Kohlen zu befüllen. Also haben wir uns auf der Straße auf die Suche nach Steinen gemacht und daraus haben Luis und ich dann einen Ofen gebaut. Im Endeffekt war es die wahrscheinlich leckerste und wohl verdienteste Lasagne, die ich je gegessen haben.

Natürlich ist es ein großer Aufwand, 2500 Km mit der Bahn durch Indien zu fahren, für nur eine Woche Seminar. Ich muss aber wirklich sagen, dass es sich wirklich gelohnt hat. Neben den Besprechen von den verschiedensten Problemen, hat es mir besonders Spaß gemacht, mehr über die anderen Einsatzstellen zu erfahren. Obwohl alle in Indien sind, waren die Erfahrungen sehr unterschiedlich. Über den Inhalt des Seminars hat Lara in ihren Blog auch einiges geschrieben (einfach auf den Link klicken). Mehr darüber und auch über kulturelle Unterschiede, die wir bisher in Indien erlebt haben, kommen im Podcast.

Neben den ernsten Themen gab es auch zwei Ausflüge zu Tempeln und zu einem Staudamm, wo wir alle schwimmen gegangen sind. Grade nach anstrengenden Themen eine schöne Gelegenheit, ein wenig abzuschalten.

Unsere Gruppe beim Zwischenseminar

Nach der Woche Seminar kamen Simon und ich nach über 5500 Km Bus und Bahnfahren erschöpft, aber auch mit sehr vielen Eindrücken wieder in Baghmara an und wurden schon von den Kindern begrüßt, die uns schon vermisst hatten.

Mehr als 2000 Kilometer, von Trichy nach Kalkutta, saßen/lagen wir in diesem Zug

Das waren meine Erfahrungen von meiner Reise in den Süden. In den nächsten Tagen setzten Simon und ich uns, jetzt aber wirklich, mal an den Podcast und werden die Reise noch einmal ein wenig ausführen.

Themenvorschläge sind natürlich immer noch herzlich Willkommen.

Schaut auch gerne bei den Blogs meiner Mitfreiwilligen vorbei.

Luis in Sittong, Lara in Darjeeling, Hannah in Kuppayanallur und Theresa in Kalimpong.

Simon, Luis, Lara, Theresa, Hannah, Sarah und ich (v.L.)

Bis zum nächsten Eintrag und viele Grüße aus Indien!

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1 Kommentar

  1. Susanne Wiggering 7. März 2020

    Danke lieber Florian für diesen (wieder) spannenden Bericht !!
    Du nimmst uns so ein bißchen mit auf Deiner Reise durch Indien.
    Viele Grüße von Susanne Wiggering

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© 2021 Florian Boemer

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