Florian Boemer

Ein Jahr in Indien

Der Abschied aus Baghmara

Wie im letzten Blogeintrag schon geschrieben, ging es für Simon und mich zurück nach Deutschland. In welcher Geschwindigkeit und mit welchen Problemen die allerdings passierte, hatten wir nun wirklich nicht gedacht. Und darum geht es jetzt.

Am Morgen der 16. März war noch alles in Ordnung. Seit Ende Februar hatten wir Ferien und wegen des Coronavirus wurden diese bis zum 31. März verlängert. Natürlich hatten wir uns schon darauf gefreut, die Kinder wieder zu sehen, aber zwei Wochen zusätzliche Ferien sind natürlich auch kein Weltuntergang. Und so stellte ich mich auf noch einmal zwei Wochen Lesen, sonnen, schlafen, Netflix schauen und sporadisch im Garten arbeiten ein.

Der Coronavirus schien noch in weiter Ferne zu sein. Am 11. März kam die Nachricht, dass meine Familie mich wohl nicht besuchen kann, da Indien für Ausländer die Grenzen geschlossen hat. Das war schon ein Schlag und wir diskutierten, ob das überhaupt verhältnismäßig sei.

Nur fünf Tage später, am Abend des 16. März haben wir dann in einer Whatsappgruppe erfahren, dass wohl alle Freiwilligen aus Indien zurück nach Deutschland müssen. Ungefähr eine Stunde später haben wir dann auch erfahren, dass wir auch das Land verlassen müssen. Ob es sich um Stunden, Tage oder eventuell noch eine Woche handeln würde, wussten wir nicht. Also saß ich mit Simon noch lange auf dem Dach und wir haben uns unterhalten und mit anderen Freiwilligen telefoniert.

Nach einer sehr komischen Nacht bin ich sehr früh aufgewacht und bin vor dem Sonnenaufgang über das Gelände gelaufen. Dabei habe ich dann Father Lazar getroffen, der mich verwundert gefragt hat, warum ich dies machen würde. Ich habe ihm dann erzählt, dass wir bald wieder nach Deutschland fahren müssen, was er allerdings nicht wirklich glauben konnte. Daraufhin mussten wir natürlich erstmal eine Messe feiern, welche auch, ohne unser wissen, die letzte sein würde.

Nach dem Frühstück machte ich schrieb ich dann erst einmal meinen letzten Blogeintrag aus Indien (was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste) um anschließend den Tag bestmöglich zu genießen. Ich bin davon ausgegangen, dass wir noch mindestens einen Tag haben würden und habe dennoch schon innerlich schon angefangen mich zu verabschieden. So verbrachte ich sehr viel Zeit draußen mit den Ziegen oder einfach nur die Schule anguckend. Auch den Lehrern sagten wir schon, dass wir bald aufbrechen müssen, allerdings dachten wir, dass wir im Laufe des Tages unser Flugticket bekommen würden und uns frühestens morgen verabschieden müssen.

Da diese Nachricht allerdings vorerst ausblieb, nahm ich mir noch einmal das Fahrrad und bin ein bisschen durch die Gegend gefahren und habe versucht die Landschaft, die Gerüche, die warme Luft und die Atmosphäre bestmöglich aufzusaugen. Außerdem ging ich noch einmal zum Friseur um mir für umgerechnet 1,20 Euro die Haare schneiden und mich rasieren zu lassen.

Während Simon am Nachmittag schon mit dem Packen anfing, konnte ich mich dazu noch nicht motivieren. Ein leeres Zimmer, ein gepackter Koffer und nur ein paar Sachen zum Anziehen wirken schon sehr traurig. Deshalb entschloss ich mich, erst zu packen, wenn die Nachricht kommt, dass wir gehen müssen.

Das war dann allerdings gegen 18 Uhr schon der Fall. Schon in der nächsten Nacht sollten wir am Flughafen in Kalkutta sein, um von dort über Delhi nach Frankfurt zu Fliegen. Ein Plan, aus dem allerdings nichts werden sollte.

Also war erst einmal Hektik angesagt. Koffer packen! Aber schnell! Dafür war allerdings nur eine Stunde Zeit, da wir um kurz nach 19 Uhr ins Bischofshaus nach Purnia gefahren sind um den Geburtstag eines Fathers und einer Sister zu feiern. Mit also nicht ganz gepacktem Koffer sind wir dann erst einmal losgefahren. Währenddessen haben die Fathers hitzig diskutiert, welchen Zug nach Kalkutta wir nehmen sollen, wer mitkommt und ob wir nicht doch besser von Siliguri direkt nach Delhi fliegen sollen. Während der Feier wurde dann beschlossen, dass wir am nächsten Morgen um 6:37 Uhr von Kishanganj nach Kalkutta fahren würden.

Das hieß für uns, dass wir um 4 Uhr morgens mit unserem Jeep das Gelände verlassen müssen. Also lagen zwischen der Nachricht, dass wir zurück müssen und dem Aufbruch grade einmal 10 Stunden.

Die Feier war sehr schön und wurde auch ein wenig zu einer `Farewell Party` für uns. Da auch die Sisters da waren, die bei uns gegenüber gewohnt haben und das Girls Hostal geleitet haben, hatten wir wenigstens die Chance uns von denen zu verabschieden.

Dort entstand auch dieses letzte Bild von unserer Kommunität (v.l. Father Lazar, ich, der Bischof, Simon, Father Robinson, Father Silas und Father Jacob)

Als wir dann gegen 22 Uhr wieder in Baghmara angekommen waren, ging ich noch etwas über das Gelände und schließlich zu dem Schlafbereich der Lehrerinnen um mich, jetzt definitiv, zu verabschieden. Auch die Lehrerinnen fanden die Nachricht sehr traurig und konnten sie nicht wirklich verstehen.

Da es zu diesem Zeitpunkt noch keine 100 Fälle in Indien gab, und wir auf einem isolierten Campus waren, wo wir uns komplett selbst versorgen können, verstanden sie es nicht, warum wir nach Deutschland fliegen sollten, wo es mehrere Tausend Fälle gab. Ein Gedanke, den auch ich im ersten Moment gedacht habe. Wenn sich in Deutschland die Menschen aber schon wegen Klopapier streiten, will ich nicht wissen, was passiert, wenn in in Idien die Lage ernster wird. So wurde die Entscheidung zumindest für uns noch etwas verständlicher.

Als ich wieder in die Residenz zurück gekommen bin, gab es noch ein kleines Problem. Da wir frühzeitig Indien verlassen mussten, mussten wir noch online ein Formular ausfüllen. Leichter gesagt, als getan. Gegen 23:45 Uhr waren Father Jacob und ich damit fertig und ich konnte endlich meinen Koffer fertig packen.

Da wir in vier Stunden los mussten, war auch keine Zeit mehr uns von anderen Leuten zu verabschieden. Ein Umstand, der mich immer noch am meisten traurig macht. weder von allen Lehrern noch, und das ist für mich viel schlimmer, von den Jungs und den Schülern hatte ich die Chance mich zu verabschieden.

Seit drei Wochen hatten wir frei. Eine Zeit, in der ich mir viele Gedanken darüber gemacht habe, wie ich die letzten vier Monate in Indien gestalten möchte, was ich ändern möchte und was ich mir noch vor nehme. Und zu all dem sollte es nun nicht mehr kommen. Allerdings hatten wir ja auch keine andere Wahl und so schrieben wir wenigstens den Jungs aus dem Hostel einen Brief, indem wir die Situation erklärten, bevor ich dann wirklich meinen Koffer packen musste.

Als ich damit fertig war und auch noch ein wenig telefoniert hatte, stellte ich mir einen Wecker und musste feststellen, dass ich noch genau 1 Stunde und 14 Minuten zum schlafen haben würde. Das war natürlich viel zu kurz, aber nur eine von mehreren Nächten mit wenig Schlaf. Denn da fing der Wahnsinn erst an.

Doch davon schreibe ich in einem anderen Blog, der am Dienstag um 18 Uhr hier erscheinen wird.

Auch Simons Beitrag kann ich serh empfehlen. Einfach hier klicken.

Bis dahin, viele Grüße

Florian

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