Florian Boemer

Ein Jahr in Indien

Die Rückreise

Den Abschied aus Indien hatte ich mir währen meines gesamten fast acht monatigem Aufenthalt schon schwer vorgestellt. Eine so große Odyssee hatte ich aber doch nicht erwartet. Aber der Reihe nach.

Am Morgen des 18. März um 03:30 Uhr klingelte mein Wecker. Nach der Nachricht über unseren schnellen Abschied am Vortag hatte ich keine Stunde geschlafen. Sehr müde blickte ich also noch einmal durch mein kaltes, leeres und staubiges Zimmer. Ein sehr trauriger Anblick, an den ich auch jetzt noch oft zurück denken muss. Da aber ohnehin eine große Reise anstand, fiel es mir doch relativ leicht, den Blick nach vorne zu richten und erst gut nach Hause zu kommen, bevor ich mich mit dem ganzen Emotionen beschäftigen würde.

Also den Koffer runter getragen und in das Auto eingeladen, die Wasserflasche aufgefüllt und noch in letztes Mal von der Dachterrasse über das dunkle und nur vom Mondschein belichtete Gelände zu gucken. Um 03:45 Uhr Fragte mich Lazar wo Simon denn bleibe. Also hochgerannt um zu sehen, dass noch kein Licht bei ihm brannte. Als ich Simon, der verständlicherweise sehr verschlafen war, geweckt habe, konnte ich ihm leider nicht sagen, dass er schlecht geträumt hat. Ich musste sagen: „komm, wir müssen los. Nach Deutschland“ (oder Ähnliches).

Und so ging es nach der Verabschiedung von Jacob und Robinson mit Father Lazer und unserem Fahrer Pradeep zusammen ca. 2 Stunden nach Kishanganj, von wo wir mit dem Zug nach Kalkutta gefahren sind. Dort war es wieder ein gewohntes Bild, was uns empfing. Hitze, Chaos, viele Menschen, Tiere und Lärm. Ein Bild was ich sicherlich so schnell nicht wiedersehen werde.

In Kalkutta sind wir dann zu einem Haus der Jesuiten gefahren, wo wir bis in die Nacht bleiben wollten. Da wir morgens um 03:30 Uhr schon wieder zum Flughafen aufbrechen mussten. Dort gab es dann auch erste Verwirrungen. Ein Father, welcher auch seine Freiwilligen zum Flughafen gebracht hat, sagte uns, wir bräuchten ein Gesundheitszeugnis von einem Arzt um ausreisen zu können. Da es aber schon 17 Uhr war, war dies schwierig. Schließlich haben wir ein bisschen rumgefragt, um zu erfahren, dass wir dies nicht benötigen würden.

Also? Alles geklärt? Nein, natürlich nicht! Kurz später erreichte uns die Nachricht, dass unser Flug von Delhi nach Frankfurt gecancelt wäre. Da einige Seiten behaupteten der Flug würde fliegen und andere sagten, er würde nicht fliegen, haben wir uns entschlossen, erst nach Delhi zu fliegen und von dort zu gucken, ob der Flug geht oder nicht. Da war es auch schon nach 22 Uhr. Bis wir dann wirklich schlafen konnten, verging auch noch eine Weile und so war es bis zum Wecker um 02:45 Uhr wieder nicht lange.

Der Weg zum Flughafen war kein Problem und bis auf 200 Euro für Übergepäck, saßen wir dann in einem sehr leerem Flugzeug, was uns sicher nach Delhi gebracht hat.

Wegen des Coronavirus war das Flugzeug auch fast leer.

In Delhi angekommen mussten wir dann feststellen, dass der Flug tatsächlich nicht fliegen würde. Eine Auskunft, was wir machen sollen oder wie es weitergeht, wurde uns nicht gegeben und auch am Schalter konnte uns keiner helfen. Und so waren wir auf uns alleine gestellt, da es in Deutschland grade 5 Uhr morgens war.

Also sind wir durch das Terminal geirrt und haben uns ein ruhiges Plätzchen gesucht um zu überlegen, was wir jetzt machen sollen. Dabei haben wir Lena kennen gelernt. Sie ist auch gestrandet und hat wie wir einen Freiwilligendienst in Indien gemacht und weil man zu dritt immer mehr Ideen hat, als zu zweit, haben wir uns zusammen getan.

Als es dann in Deutschland Zeit zum Aufstehen war, haben wir mit Rücksprache einen neuen Flug gebucht. Nachmittags vom Delhi nach Dubai, von Dubai nach Budapest und von Budapest nach Frankfurt. Eigentlich ein guter Plan, da wir gehört haben, dass man von Delhi nur noch über die arabische Halbinsel nach Europa kommt.

Am Check-in mussten wir dann aber erfahren, dass Emirates, mit denen wir von Delhi bis Budapest geflogen wären, keinen Gepäckvertag mit Wizzair hat, mit denen wir nach Frankfurt wollten. Auch das Gepäck in Budapest abholen und neu einchecken ging nicht, da Ungarn keine Ausländer mehr ins Land gelassen hat. Also ging der Flug ohne uns los.

Also, was jetzt? Aufgeben? Nein, weitersuchen, weiterfragen, weiterprobieren! Tatsächlich haben wir dann einen Flug über Abi Dhabi nach Düsseldorf gefunden und diesen gebucht.

Aber auch bei diesem Flug kam schnell die Ernüchterung, als wir am Check-in erfahren mussten, dass der Fug nicht fliegen würde. Warum genau, konnte uns keiner sagen.

Zu dem Zeitpunkt war es schon nach 20 Uhr abends und so mussten wir uns langsam um ein Hotel kümmern. Dafür reichte zum Glück ein Anruf bei unseren Jesuiten und wir wurden von einem Taxi abgeholt und in ein Hotel gefahren. Endlich Ruhe, endlich duschen und ein wenig entspannen. Aber auch nicht lange. Da das letzte, was wir gegessen hatten, Frühstück war, machten wir uns auf um etwas zu Essen zu bekommen. Währenddessen schauten wir nach Flügen für die nächsten Tage, aber ohne Erfolg.

Daraufhin erreichte uns auch die Nachricht, dass Indien in 2 Tagen eine Ausgangssperre verhängen und den internationalen Flugverkehr einstellen wird. Nicht grade beruhigend, wenn es kaum noch Möglichkeiten gibt, um nach Hause zu kommen. Und auf 3 Wochen im Hotel hatte auch keiner Lust. Also entschieden wir uns am nächsten Tag zur Deutschen Botschaft zu fahren und dort mal nachzufragen, da wir auch gehört hatten, dass es eine Rückholaktion der Bundesregierung geben wird. Das hieß dann, dass die dritte Nacht in Folge auch keine zum Ausschlafen sein wird, da das Konsulat nur vormittags geöffnet ist.

Also am nächsten Tag ab zum Konsulat, wo dann nur eine Person rein durfte. Da auch eine Rentnerreisegruppe da war, konnten wir noch verhandeln, dass einer von uns und einer von ihnen rein durfte um mit der Botschaft zu sprechen.

Dort habe ich leider nur erfahren, dass die Ausgangssperre tatsächlich kommen wird und wahrscheinlich drei Wochen anhalten wird. Außerdem haben sie mir gesagt, dass noch keine Rückholaktion geplant sei und es frühestens in zwei bis drei Wochen dazu kommen würde. Deshalb gaben sie mir den Tipp, in den nächsten zwei Tagen irgendwie auf zivilem Weg das Land zu verlassen.

Keine besonders gute oder Sicherheit gebende Nachricht, aber was sollten wir machen? Zuerst hat sich der Weg mit Lena getrennt, da sie von ihrer Organisation zurück nach Mumbai geschickt wurde, da sie dort im Falle einer Ausgangssperre wieder in ihr Projekt gehen könnte und nicht drei Wochen in einem Hotelzimmer verbringen müsste.

Wir haben es weiter versucht. Irgendwann kam die Nachricht, es gebe keinen einzigen Flug von Delhi nach Deutschland. Also stellten wir uns darauf ein, jetzt wirklich drei Wochen im Hotel zu verbringen. Zum Glück kam aus Simons Familie die Idee, nach Zürich in die Schweiz zu fliegen. Nach kurzer Recherche sah das auch nach einer realistischen Möglichkeit aus. Leider aber auch der einzigen.

So haben wir dann für 2200 Euro pro Person noch einen Platz im Flugzeug von Delhi über Abu Dhabi nach Zürich bekommen. Also wieder aus dem Hotel auschecken und sofort zum Flughafen.

Zu unserer Überraschung hat sogar alles funktioniert und wir kamen pünktlich in Zürich an. Endlich geschafft!

Naja, fast. Da mein Flug von Zürich nach Köln ebenfalls nicht stattgefunden hat, musste ich ja noch irgendwie wieder ins schöne Köln zurück. Aber nach so viel Stress kam mir da so vor, wie mit dem Fahrrad von der Schule nach Hause zu fahren.

Da sowohl die Schweiz als auch Deutschland keinen mehr aus dem jeweils anderen Land über die Grenzen gelassen hat, hatte Simons Familie wieder eine gute Idee. Eine Freundin, welche Schweizerin ist, hat uns vom Flughafen in Zürich abgeholt und zur Grenze gefahren. Von dort aus mussten wir dann mit unserem Gepäck über die Grenze laufen. Dort wurden wir von Simons Bruder abgeholt und zu ihnen nach Hause gefahren.

Irgendwie witzig, nach so vielen Flügen und Stress einfach über die Grenze zu laufen. Das hätte ich mir auch nicht im Traum vorgestellt. Die Bahnfahrt nach Köln verlief der gesamten Reise entsprechend. Eine Stunde Schienenersatzverkehr um Baden-Baden herum und noch einmal 30 Minuten in Mannheim sitzen wegen eines „technischen Defekt am Zug“. Das war mir dann aber auch egal, als ich im strahlenden Sonnenschein, allerdings auch in klirrender Kälte, den Dom vor strahlend blauem Himmel sah.

Trotz eines zu diesem Zeitpunkt ungewollten Wiedersehens, ein wirklich schöner Anblick und ein schönes Gefühl, die Familie wieder in die Arme schließen zu können.

Das war sie also. Meine fast fünf Tage lange Rückreise. In ein paar Tagen, Wochen oder Monaten will ich noch etwas zu meiner „emotionalen Rückkehr“ oder wie es ist wieder in Deutschland zu sein schreiben.

Trotzdem an dieser Stelle Danke, an alle die sich für meine Erfahrungen in Indien interessiert haben und diesen Blog, mehr oder weniger, aktiv gelesen haben.

Über Anmerkungen, Fragen oder Rückmeldungen als Kommentar oder E-Mail freue ich mich wie immer sehr.

Vielen Dank und schöne Grüße aus Köln,

Florian

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